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Statements

Grenzen überschreiten. Statement von Mely Kiyak, Theater-Kolumnistin des Maxim Gorki Theaters zur Aktion des Zentrums für politische Schönheit

Gedenken ist ein abstrakter Vorgang. Er soll andere dazu animieren, in Ehrfurcht und Respekt etwas zu gedenken. Man kann niemanden zwingen, zu gedenken. Der Gedenkstein für einen Toten kann immer nur eine Einladung sein, sich mit dem Menschen und seiner Todesumstände zu befassen. Der zum Gedenken Eingeladene kann dieses Angebot annehmen oder es lassen. Meistens lässt er es.

Als Teile der Gedenkstätte für die Mauertoten der DDR durch ein Künstlerkollektiv entwendet wurden, damit sie an den Außengrenzen der EU darauf aufmerksam machen, dass trotz des Falls der deutsch-deutschen Mauer das Problem der außer-europäischen Mauern besteht, war die Aufregung groß.

Zunächst einmal: Es wurden Objekte des Gedenkens entwendet. Sie haben keinerlei Sakralität. Sie sind nie geweiht wurden oder dergleichen. Es handelt sich auch nicht um Grabsteine. Es handelt sich um materialistische Symbole zum Zeichen für Verbrechen, die begangen wurden. Nicht die, die Kreuze wegtrugen haben ein Verbrechen begangen, sondern ein Regime und seine Todesschützen. Die Kreuze selber sind hilflose Versuche, Erinnerung aufrecht zu erhalten. Alle Gedenkstätten sind hilflose Versuche dem Anderen Erinnerung aufzuzwingen. Weil der Mensch nicht gerne erinnern will. Jedenfalls nicht, wenn es nicht ihn oder seine Angehörigen betrifft. Wer in diesem Land kennt schon den Namen eines Mauertoten? Mein Gott, unser Land platzt aus allen Nähten vor Gedenkstätten. Weil unsere Historie so reich ist an Verbrechen. Und während die Gedenkstätten errichtet werden, werden wieder neue Verbrechen begangen. Das ist nicht nur bei uns so. Das ist überall auf der Welt so.

Nun also sollten die Kreuze verschoben werden. Die Kreuze. Nicht die Toten. Sondern das Denken. Die verschobenen Kreuze sollten das Gedenken an einem anderen Ort in einen anderen Kontext rücken, um zu verdeutlichen, dass das Problem weiter besteht. Das Problem der Grenzen. Ich habe in meinem Leben viel politische Aktionskunst gesehen. Aber die Kreuze der Mauertoten an bestehende Grenzen zu verschieben, halte ich für einfach und einleuchtend. Die Mauertoten der DDR und die Mauertoten an den EU-Außengrenzen sind ein und dasselbe. Regime schließen sich ein oder aus. Und der Mensch darf nicht mehr frei entscheiden, wo er leben will. Ein Grenze. Ein Übertritt. Ein Schuss. Eine Grenze, ein Boot, Ertrinken. Das ist so bitter, so wahr und so sehr Gegenwart, dass man die ganzen verdammten Gedenkstätten kaum mehr erträgt. Die Gedenkstätten. Nicht die Toten und ihre Angehörigen. Das muss man immer wieder betonen, weil es offenbar Menschen in unserem Land gibt, die nicht begreifen, dass die Aktion des „Zentrums für politische Schönheit“ nicht aus Respektlosigkeit den Mauertoten gegenüber geschah, sondern aus dem genauen Gegenteil. Aus Empathie zu diesen Opfern. Und aus Empathie mit den Flüchtlingen von heute.

Es ist völlig irrelevant, ob die Kreuze, die an die EU-Außengrenzen verschoben werden sollten, Originale sind oder Replikate. Das Maxim Gorki Theater wird beschuldigt, sich durch Mitwirken und Solidarität mit dieser Aktionskunst an Gedenkstättenschändung schuldig gemacht zu haben. Das Maxim Gorki Theater! Das jeden Abend nichts anderes tut, als zu gedenken, indem es Theater macht, wie es in diesem Land schon seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht wurde. Ich habe von der Aktion in der Zeitung gelesen. Ich habe nichts vorher gewusst und ich habe mit der Intendantin über die Vorgänge der letzten Tage kein Wort gesprochen. Denn als Kolumnistin dieses Theaters habe ich eine Vereinbarung getroffen. Ich schreibe, was ich will und worüber ich will. Das Theater hat eine Abteilung für Öffentlichkeit und eine für die Presse. Mit beiden Abteilungen habe ich nichts am Hut. Das ist wichtig, dass die Leser das wissen.

Mir war immer klar, dass das Gorki mit dem, was es macht, sehr bald mächtige Feinde haben wird. Das hat politische Kunst so an sich. Dass sie sich innerhalb kürzester Zeit rasch Feinde macht. Ich weiß, wovon ich spreche. Dass nun der Berliner Innensenator und die Kulturstaatsministerin nicht den Unterschied zwischen Kriminalität und politischer Kunst kennen ist nicht nur eine Lächerlichkeit, sondern zwingt einen geradezu zu sagen: Willkommen in der DDR! Wann hat es so etwas das letzte Mal gegeben, dass ein Innensenator einer Theaterdirektorin droht? Wie nennen wir denn solche Systeme, in denen das geschieht?

Das Gorki scheint Staatsfeind Nummer 1 zu sein, weil es sich für die Mauertoten genauso interessiert wie für alle politischen Opfer. Wochenlang schliefen Flüchtlinge im Haus. Sie wurden Tag und Nacht durch Künstler betreut. Das ganze Haus kann Flüchtlingsgeschichten aus eigenen Biographien zusammentragen, dass es sich nur so gewaschen hat. Seit einigen Tagen haben wir am Haus ein politisches Festival, weil uns das Zusammenleben von Menschen und das Wirken von Grenzen wirklich interessiert. Auch ich bin mit einer künstlerischen Arbeit bei diesem politischen Festival vertreten. Das Festival wurde mit öffentlichen Geldern unterstützt. Wenn der Innensenator meint, dass das Gorki dieses Geld nicht verdient hätte, dann bin auch ich gemeint. Es ist mein erstes Theaterstück und heißt „Aufstand“. Mein Stück endet mit den Worten: Erinnern ist Aufstand!

Und so erinnere ich daran, dass wir alle am Gorki landeten, weil wir Aufständler sind. Kein Politiker hat mir oder irgendjemand anderem an diesem Haus zu sagen, wie man damit umgeht, ein politisches Opfer zu sein und was die angemessene Form des Gedenkens sei. Unter uns sind Armenier, Homosexuelle, Kurden, Jugoslawische Kriegsflüchtlinge – unser Erzählfundus an Geschichten über Krieg und Vertreibung ist reich. Meine Eltern kommen aus einem System, in dem mit politischer Kunst nie anders umgegangen wurde, als es der Berliner Innensenator gerade vorgemacht hat. Daran erinnern ist auch Aufstand!

Wir sind Künstler geworden, weil uns das Steine aufstellen nicht reicht. Wenn es sein muss, dann schraube ich sämtliche Stelen der jüdischen Gedenkstätte neben dem Brandenburger Tor ab und trage die Stelen auf dem Rücken durch Europa und seine Parlamente, um zu sagen: ruht Euch auf diesen Steinen nicht aus, sondern fangt endlich an Eure Politik zu ändern! Das sind wir diesen Opfern, für die wir nicht müde werden, Steine aufzustellen, schuldig. Das sind wir uns selber schuldig. Weil wir im Gegensatz zum Innensenator die Beschädigung, die ein System anrichten kann, kennen. Wir werden deshalb immer und überall Grenzen überschreiten, weil es nur so geht.

Mely Kiyak

http://kolumne.gorki.de/kolumne-23-2/#more-493


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