facebook feed fist header movement-text refugee-movement-text twitter youtube
Statements

Grenzen überschreiten. Statement von Mely Kiyak, Theater-Kolumnistin des Maxim Gorki Theaters zur Aktion des Zentrums für politische Schönheit

Gedenken ist ein abstrakter Vorgang. Er soll andere dazu animieren, in Ehrfurcht und Respekt etwas zu gedenken. Man kann niemanden zwingen, zu gedenken. Der Gedenkstein für einen Toten kann immer nur eine Einladung sein, sich mit dem Menschen und seiner Todesumstände zu befassen. Der zum Gedenken Eingeladene kann dieses Angebot annehmen oder es lassen. Meistens lässt er es.

Als Teile der Gedenkstätte für die Mauertoten der DDR durch ein Künstlerkollektiv entwendet wurden, damit sie an den Außengrenzen der EU darauf aufmerksam machen, dass trotz des Falls der deutsch-deutschen Mauer das Problem der außer-europäischen Mauern besteht, war die Aufregung groß.

Zunächst einmal: Es wurden Objekte des Gedenkens entwendet. Sie haben keinerlei Sakralität. Sie sind nie geweiht wurden oder dergleichen. Es handelt sich auch nicht um Grabsteine. Es handelt sich um materialistische Symbole zum Zeichen für Verbrechen, die begangen wurden. Nicht die, die Kreuze wegtrugen haben ein Verbrechen begangen, sondern ein Regime und seine Todesschützen. Die Kreuze selber sind hilflose Versuche, Erinnerung aufrecht zu erhalten. Alle Gedenkstätten sind hilflose Versuche dem Anderen Erinnerung aufzuzwingen. Weil der Mensch nicht gerne erinnern will. Jedenfalls nicht, wenn es nicht ihn oder seine Angehörigen betrifft. Wer in diesem Land kennt schon den Namen eines Mauertoten? Mein Gott, unser Land platzt aus allen Nähten vor Gedenkstätten. Weil unsere Historie so reich ist an Verbrechen. Und während die Gedenkstätten errichtet werden, werden wieder neue Verbrechen begangen. Das ist nicht nur bei uns so. Das ist überall auf der Welt so.

Nun also sollten die Kreuze verschoben werden. Die Kreuze. Nicht die Toten. Sondern das Denken. Die verschobenen Kreuze sollten das Gedenken an einem anderen Ort in einen anderen Kontext rücken, um zu verdeutlichen, dass das Problem weiter besteht. Das Problem der Grenzen. Ich habe in meinem Leben viel politische Aktionskunst gesehen. Aber die Kreuze der Mauertoten an bestehende Grenzen zu verschieben, halte ich für einfach und einleuchtend. Die Mauertoten der DDR und die Mauertoten an den EU-Außengrenzen sind ein und dasselbe. Regime schließen sich ein oder aus. Und der Mensch darf nicht mehr frei entscheiden, wo er leben will. Ein Grenze. Ein Übertritt. Ein Schuss. Eine Grenze, ein Boot, Ertrinken. Das ist so bitter, so wahr und so sehr Gegenwart, dass man die ganzen verdammten Gedenkstätten kaum mehr erträgt. Die Gedenkstätten. Nicht die Toten und ihre Angehörigen. Das muss man immer wieder betonen, weil es offenbar Menschen in unserem Land gibt, die nicht begreifen, dass die Aktion des „Zentrums für politische Schönheit“ nicht aus Respektlosigkeit den Mauertoten gegenüber geschah, sondern aus dem genauen Gegenteil. Aus Empathie zu diesen Opfern. Und aus Empathie mit den Flüchtlingen von heute.

Es ist völlig irrelevant, ob die Kreuze, die an die EU-Außengrenzen verschoben werden sollten, Originale sind oder Replikate. Das Maxim Gorki Theater wird beschuldigt, sich durch Mitwirken und Solidarität mit dieser Aktionskunst an Gedenkstättenschändung schuldig gemacht zu haben. Das Maxim Gorki Theater! Das jeden Abend nichts anderes tut, als zu gedenken, indem es Theater macht, wie es in diesem Land schon seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht wurde. Ich habe von der Aktion in der Zeitung gelesen. Ich habe nichts vorher gewusst und ich habe mit der Intendantin über die Vorgänge der letzten Tage kein Wort gesprochen. Denn als Kolumnistin dieses Theaters habe ich eine Vereinbarung getroffen. Ich schreibe, was ich will und worüber ich will. Das Theater hat eine Abteilung für Öffentlichkeit und eine für die Presse. Mit beiden Abteilungen habe ich nichts am Hut. Das ist wichtig, dass die Leser das wissen.

Mir war immer klar, dass das Gorki mit dem, was es macht, sehr bald mächtige Feinde haben wird. Das hat politische Kunst so an sich. Dass sie sich innerhalb kürzester Zeit rasch Feinde macht. Ich weiß, wovon ich spreche. Dass nun der Berliner Innensenator und die Kulturstaatsministerin nicht den Unterschied zwischen Kriminalität und politischer Kunst kennen ist nicht nur eine Lächerlichkeit, sondern zwingt einen geradezu zu sagen: Willkommen in der DDR! Wann hat es so etwas das letzte Mal gegeben, dass ein Innensenator einer Theaterdirektorin droht? Wie nennen wir denn solche Systeme, in denen das geschieht?

Das Gorki scheint Staatsfeind Nummer 1 zu sein, weil es sich für die Mauertoten genauso interessiert wie für alle politischen Opfer. Wochenlang schliefen Flüchtlinge im Haus. Sie wurden Tag und Nacht durch Künstler betreut. Das ganze Haus kann Flüchtlingsgeschichten aus eigenen Biographien zusammentragen, dass es sich nur so gewaschen hat. Seit einigen Tagen haben wir am Haus ein politisches Festival, weil uns das Zusammenleben von Menschen und das Wirken von Grenzen wirklich interessiert. Auch ich bin mit einer künstlerischen Arbeit bei diesem politischen Festival vertreten. Das Festival wurde mit öffentlichen Geldern unterstützt. Wenn der Innensenator meint, dass das Gorki dieses Geld nicht verdient hätte, dann bin auch ich gemeint. Es ist mein erstes Theaterstück und heißt „Aufstand“. Mein Stück endet mit den Worten: Erinnern ist Aufstand!

Und so erinnere ich daran, dass wir alle am Gorki landeten, weil wir Aufständler sind. Kein Politiker hat mir oder irgendjemand anderem an diesem Haus zu sagen, wie man damit umgeht, ein politisches Opfer zu sein und was die angemessene Form des Gedenkens sei. Unter uns sind Armenier, Homosexuelle, Kurden, Jugoslawische Kriegsflüchtlinge – unser Erzählfundus an Geschichten über Krieg und Vertreibung ist reich. Meine Eltern kommen aus einem System, in dem mit politischer Kunst nie anders umgegangen wurde, als es der Berliner Innensenator gerade vorgemacht hat. Daran erinnern ist auch Aufstand!

Wir sind Künstler geworden, weil uns das Steine aufstellen nicht reicht. Wenn es sein muss, dann schraube ich sämtliche Stelen der jüdischen Gedenkstätte neben dem Brandenburger Tor ab und trage die Stelen auf dem Rücken durch Europa und seine Parlamente, um zu sagen: ruht Euch auf diesen Steinen nicht aus, sondern fangt endlich an Eure Politik zu ändern! Das sind wir diesen Opfern, für die wir nicht müde werden, Steine aufzustellen, schuldig. Das sind wir uns selber schuldig. Weil wir im Gegensatz zum Innensenator die Beschädigung, die ein System anrichten kann, kennen. Wir werden deshalb immer und überall Grenzen überschreiten, weil es nur so geht.

Mely Kiyak

http://kolumne.gorki.de/kolumne-23-2/#more-493


Statements

Daily Resistance Newspaper / international / International Refugee Movement / News / Statements

Urgent Call from Moria Camp for Help in Corona Times

Update 2/9/2020: This call was the second open letter to the EU and its member states to evict the Moria camp on the greek island of Lesvos in face of the pandemic threat. The inhabitants of the overcrowded camp have not received any answer so far, while everyone on the spot, including the support initiatives… Read more »

Demo / german wide movement / Statements / Support/Solidarity

Antiracist day of action on 5 September 2020

Germanwide call for decentralized protests On September 5th we all go out into the streets together and show loud and clear what kind of society we want to live in: a society without racism! Exactly five years after the “March of Hope”. Because September 2015 was a ray of hope. A historical breakthrough against the… Read more »

Daily Resistance Newspaper / Lager watch / Statements

DR #7 published!

Update (10 August): The issue has been delivered and can now be picked up in Café Karanfil! You can also download and read a digital PDF version here: The issue consists of stories, statements and testimonies of people in isolated European lagers during Corona times. Languages of the texts this time: Turkish, Arabic, Urdu, Italian,… Read more »

Featured

Daily Resistance Newspaper / News

Daily Resistance Monthly Editorial Meeting continues on July, 9

On July 9, 2018, the current editorial team of >Daily Resistance< will continue its new monthly meeting. It is the third in a series of social and working get-togethers that tries to bring together people who want to share their ideas about the newspaper, who want to contribute and who want to work on upcoming… Read more »

berlin news / Demo / News / oplatz / School / Support/Solidarity

Kundgebung & Demo zur Räumung der Ohlauer/GHS, 11.01.2018, 7:45

Räumung der GHS am 11.01.2018 – Solidarität mit den Bewohner_innen. Eviction of GHS, 11.01.2018 – Call for solidarity Die Chronologie der GHS auf Deutsch und Englisch Pressestatement der Nachbarschaftsinitiative Ohlauer Straße (NIO), 19.7.2017: Wir kennen die beteiligten Menschen, wir respektieren die Umstände, wir erinnern die Absprachen Solidaritätsaufruf Andere Zustände ermöglichen (*aze) ____ DEUTSCH (English, French,… Read more »

Demo Ohlauerstr.
News / oplatz / Statements / Support/Solidarity

Aufruf zu Solidarität mit den Bewohner*innen der Gerhart-Hauptmann-Schule

  Englisch/Französisch below Bewegungsfreiheit statt Staatsgewalt! Aufruf zu Solidarität mit den Bewohner*innen der Gerhart-Hauptmann-Schule Am 11. Januar soll die Gerhart-Hauptmann-Schule geräumt werden. Es ist zwar in den letzten drei Jahren etwas ruhiger um die Ohlauerstraße geworden, aber die Relevanz der Kämpfe dieser Gruppe ist nach wie vor groß. Lange vor der ‘Willkommenskultur’ zeigte der March… Read more »

Gerhard Hauptman Schule

Recent

berlin news / News / oplatz / Support/Solidarity

Kundgebung zum 4. Todestag von Hussam Fadl



KOP – Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt – und die Kampagne Gerechtigkeit für Hussam Fadl rufen anlässlich des 4. Todestages vonHussam Fadl zu einer Kundgebung auf. Sonntag: 27.09.2020 um 15:00 Uhr auf dem Oranienplatz in Kreuzberg Vor vier Jahren, am 27.09.2016, wurde Hussam Fadl von der Berliner
Polizei von hinten erschossen. Die Ermittlungen im Fall von… Read more »

Hussam Fadl
berlin news / Demo / Familienleben für alle / News

26.09.2020 Berlin: Demo für Familiennachzug

von Initiativen für Familienleben für Alle Familientrennung beenden! Während das Auswärtige Amt auf Grund von Covid-19 gestrandete Urlauber*innen in einer aufwändigen Rückholaktion von überall her zu ihren Familien nach Hause brachte, wird der Familiennachzug zu in Deutschland als Flüchtling anerkannten Eritreer*innen systematisch verhindert: Familien warten monatelang, bis sie überhaupt einen Termin zur Visumsantragstellung bei einer… Read more »

Familienleben für Alle
berlin news / News

Wo ist unser Denkmal? Kundgebung und Performance

English below Wir, die Initiative #WoIstUnserDenkmal, eröffnen im Zuge einer Performance ein Mahnmal in Gedenken an die Opfer von Rassismus und Polizeigewalt am Samstag dem 26.9.2020 am Oranienplatz um 11:00 Uhr. Auch wenn #Blacklivesmatter nicht mehr trendet: Rassistische Polizeigewalt ist noch immer Alltag. Menschen müssen jeden Tag Gewalt erleben – und einige überleben diese nicht…. Read more »

Daily Resistance Newspaper / international / International Refugee Movement / News / Support/Solidarity

A voice from Moria

My name is Raed Alabd. I am from Syria. I came here to the Lesbos Island to Moria camp on 9 December 2019. I came alone. I was working in Syria as a agency advisor for health, safety and environment for petrol companies and I liked my job. After one month, when I came here… Read more »

Daily Resistance Newspaper / international / International Refugee Movement / News / Statements

Urgent Call from Moria Camp for Help in Corona Times

Update 2/9/2020: This call was the second open letter to the EU and its member states to evict the Moria camp on the greek island of Lesvos in face of the pandemic threat. The inhabitants of the overcrowded camp have not received any answer so far, while everyone on the spot, including the support initiatives… Read more »

Demo / german wide movement / Statements / Support/Solidarity

Antiracist day of action on 5 September 2020

Germanwide call for decentralized protests On September 5th we all go out into the streets together and show loud and clear what kind of society we want to live in: a society without racism! Exactly five years after the “March of Hope”. Because September 2015 was a ray of hope. A historical breakthrough against the… Read more »